Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Nachrichten von Jakob

08.05.2012, 10:00

Kolumbien,Hogar

Sechs Monate Kolumbien liegen hinter mir, sechs Monate Kolumbien liegen vor mir und ich bin mittendrin.

In der Mitte, genauso fühle ich mich auch. Im letzten halben Jahr habe ich unglaublich viel erlebt, soviel, dass ich mich manchmal frage, ob das wirklich alles in so kurzer Zeit passiert ist. Ich habe mich eingelebt, habe Spanisch gelernt, habe meine Arbeit sowie Kolumbien kennengelernt. Danach kam die Halbzeitpause, die Weihnachts-ferien, in denen ich viel gereist bin und einige andere südamerikanische Länder kennengelernt habe. Schließlich hatten Hannah und ich noch ein Zwischenseminar mit anderen Freiwilligen in Bolivien. Danach stand die Zwischenauswertung hier in Kolumbien an.

Auch wenn ich in den letzten Monaten nicht viele Probleme hatte, war der Austausch sehr hilfreich. Jetzt nach der Halbzeit und nach der Zwischenauswertung hat sich meine Arbeit doch deutlich geändert. Schon vor der Zwischenauswertung hatte ich überlegt, ob sich meine Arbeit als “Englischlehrer” nicht irgendwie ausbauen ließe. Nun kann ich, neben der Englischklasse in ASOCOMBAS, auch zweimal wöchentlich in der Schulklasse bei Hogar de Niño Englisch unter-richten.

Im Hogar hat sich außerdem ein neues Projekt ergeben. In der “Escuela de Jovenes Lideres” (Schule für jugendliche Verantwortliche) soll unter Beteiligung aller Schulen und Jugendorganisationen von Líbano ein Jugendrat gebildet werden, der die Rechte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor dem Stadtrat und dem Bürgermeister vertritt. Dazu sollen 100 Jugendliche in Themenbereichen wie zum Beispiel “Politik”, “Umwelt”, “Selbstwahrnehmung” weitergebildet werden. Der Jugendrat, der aus diesen 100 Jugendlichen heraus gewählt wird, hat dann politisches Mitspracherecht und sogar ein Büro im Rathaus. Jetzt muss erstmal die Idee des Jugendrates bei den Jugendlichen verbreitet werden. Zudem müssen die Jugendlichen motiviert werden,
sich (in ihrer Freizeit) dafür zu engagieren. Schwierig ist das zum einen, weil die Ju-gendlichen bisher wenig Interesse zeigen. Zum anderen ist es oft schwer Kontakt zu den Schulen aufzunehmen. Die SchülerInnen hier müssen sich jedes Jahr aufs Neue an der Schule einschreiben. Dadurch gibt es extrem viele SchülerInnen, die zum Jahreswechsel die Schule wechseln. Die Schulen können so nur schwer im Voraus Stundenpläne oder die Notwendigkeit von LehrerInnen planen, sodass diese ganze Planung erst jetzt zum Schulanfang erledigt werden kann. Hinzu kommt noch, dass ein neues Gesetz in Kraft tritt, dass die Vergrößerung der Schulklassen auf bis zu 40 SchülerInnen erlaubt. Durch diese Umstände ist es oftmals schwer an die Schulen heranzukommen.

Nichtsdestotrotz ist dieses neue Projekt eine sehr gute Möglichkeit für mich, das ko-lumbianische Schulsystem kennenzulernen. Mein erster Eindruck von den Schulen hier im ländlichen Líbano ist jedoch erschreckend. Die Schulgebäude sind teilweise heruntergekommen und baufällig; die meisten Klassen bestehen aus bis zu 40 SchülerInnen, viele Lehrer sind mit der Masse der SchülerInnen einfach überfordert.
Wie mir eine Lehrerin erzählte, setzt die Regierung eher auf Quantität als auf Qualität.
Die Zahlen müssten stimmen und daher wird alles darum gegeben, dass möglichst viele Kinder zur Schule gehen. Dabei leidet die Qualität der Bildung allerdings sehr.

Montags bis donnerstags Nachmittag bin ich nach wie vor im Hogar del Niño. Waren meine Tätigkeiten bisher nur Zuschauen und Mithelfen, habe ich jetzt ein eigen-ständiges Projekt starten können. Als Überthema für dieses Projekt habe ich das The-ma “Kinderrechte” gewählt. Nachdem ich ein wenig Zeit hatte das Projekt vorzuberei-ten und zu planen, konnte ich Anfang Februar mit der Durchführung beginnen. An den Nachmittagen, an denen ich im Hogar bin, erarbeite ich mit einer Kleingruppe von ca. sechs Kindern nach und nach die Rechte der Kinder. Die Arbeit in den kleinen Gruppen läuft ganz gut, und obwohl es eigentlich immer anstrengend ist die Kinder in Schach zu halten, macht mir dieses eigenständige Projekt viel Spaß. Es bietet mir die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und direkter mit den Kindern zu arbeiten.

Auch in ASOCOMBAS hat sich meine Arbeit verändert. Auch hier leite ich jetzt zu-sammen mit einem anderen kolumbianischen Freiwilligen einmal pro Woche eine “Reunión” (Versammlung) in einem der Viertel, in dem ASOCOMBAS tätig ist. Die Kinder freuen sich jede Woche auf diese Treffen und das ist wohl das Wichtigste. Auch bei diesen Treffen versuche ich den Kindern ihre Rechte näher zu bringen, dabei kommt der spielerische Teil allerdings nie zu kurz. Außerdem unternehmen wir jeweils jeden letzten Freitag im Monat mit den Kindern einen kleinen Ausflug. Ganz oben auf der Wunschliste steht dabei meistens Fußball spielen, denn in „Villa Liliana“, das Barrio wo die Kinder wohnen, gibt es dafür keinen Platz. Das Viertel ist am ehesten als Ansammlung von eng aneinander gedrängten, einfachen Hütten zu bezeichnen. Raum zum Toben und Spielen bleibt da nicht.

In meiner Freizeit hat es nicht so viele Veränderungen gegeben, aber es fällt mir doch auf, dass ich den kolumbianischen Lebensstil immer mehr genießen kann. Wenn am Sonntagnachmittag der Nachbar seine Musikanlage vor die Tür stellt und die Straße mit Salsa beschallt, wenn die Menschen vor ihren Häusern sitzen, quatschen oder einfach nur die Sonne genießen, dann macht mir das immer mehr Freude. Ich weiß jetzt schon, dass ich diese Sachen vermissen werde, wenn ich zurück nach Deutsch-land komme. Aber daran muss ich im Moment zum Glück ja noch gar nicht denken, denn im Moment bin ich ja hier in Kolumbien.

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