Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Ibaqué, Kolumbien - Zweiter Bericht von Marjam

16.02.2014, 08:44

Nach fast einem halben Jahr habe ich mich richtig gut eingelebt, sodass Einiges, was ich zu Beginn noch mit Riesen-Augen bestaunt habe, schon zur Normalität geworden ist. Generell ist mein „Lebensstandard“ hier nicht groß anders. In der Stadt findet man zahlreiche westliche Läden und Produkte, sodass man manchmal gar nicht glaubt, dass man sich in einem Entwicklungsland befindet, in dem viele Menschen in schwerer Armut leben.


Die Arbeit mit Indigenen


In Coyaima, einem Dorf im Süden der Provinz Tolima und keine drei Stunden Busfahrt entfernt, trifft man auf diese ganz andere Realität, die hier in Kolumbien herrscht. Hier arbeiteten wir von Oktober bis Anfang Dezember jeden Samstag mit insgesamt 300 indigenen Kindern und Jugendlichen zu verschiedenen Themen. Wir sprachen z. B. mit ihnen über Familie, Menschenrechte, ihr „Lebensprojekt“, über Umweltschutz, etc. Wir haben die Themen meistens mit Handwerklichem verbunden, wobei die Kinder immer viel Spaß hatten. Zu Hause sind oft keine Materialien wie Stifte zum malen, Papier zum Origami falten oder Perlen zum Armbänder knüpfen da.


Die Lebenswelt der indigenen Bevölkerung


Coyaima liegt südlich von Ibagué und ist noch viel heißer; dadurch ist dort auch überwiegend trockenes Land zu finden. Durch den Klimawandel ist kein Verlass mehr auf die Trocken- bzw. Regenzeiten, die hier herrschen, so kommt es oft vor, dass die Einwohner der Gemeinschaften ihre Saat verlieren und damit ihr weniges Geld. Die einzige Art, mit der die „Pijaos“ - so heißt der Stamm der in Coyaima lebenden Indigenen - etwas erwirtschaften, ist durch den Anbau von Bananenbäumen. Die großen Blätter des Baums werden in alle möglichen Städte verkauft, da man sie benötigt, um das traditionelle Gericht „Tamal“ aus der Region Tolima zuzubereiten.

Die in Coyaima lebenden Indigenen tragen weder traditionelle Kleidung, noch benutzen sie ihre ursprüngliche Sprache. Außerdem ist die Mehrheit katholischen Glaubens. Was die Spanier mitgebracht haben, wurde den Ureinwohnern aufgezwungen und hat Ursprüngliches aussterben lassen.

Die Familien leben in selbst konstruierten, lehmähnlichen Hütten mit Dächern aus Palmblättern, was möglichst wenig Hitze eindringen lässt. Die Häuser haben weder Strom noch fließend Wasser, das wird aus Brunnen geschöpft. Die meisten Familien haben ein, zwei Hühner, Schweine, vielleicht eine Kuh, um sich zu versorgen. In jeder Gemeinschaft findet man eine Schule für die Kinder und Jugendlichen. Im Gesetz ist verankert, dass an jeder öffentlichen kolumbianischen Universität ein Studium für Indigene kostenfrei ist. Ich habe ein Mädchen kennen gelernt, das Jura studiert. In einigen Stämmen verlassen die jungen Erwachsenen ihre Gemeinschaft um zu studieren, kehren dann aber als Arzt, Jurist oder Lehrer zurück, um den Rest der Comunidad zu lehren, zu verarzten und zu helfen. Aber auch wenn das Studieren gratis ist, können sich viele Familien die weiteren Kosten, die so ein Studium mit sich bringt, nicht leisten.

Die Arbeit in dem Projekt war für mich eine riesengroße Erfahrung und ich habe die Kinder sehr ins Herz geschlossen. Zu Beginn waren sie alle noch ein bisschen distanziert mir gegenüber, aber schnell begannen sie mich mit Fragen zu löchern, mir Komplimente für meine „schöne weiße Haut“ zu machen und zu spüren, dass ich eine Freundin bin. Auch die Eltern sind mir immer sehr dankbar entgegengetreten und haben mich stets freundlich empfangen. Mir wurde noch einmal besonders bewusst, dass im Leben weder Reichtum noch Macht nötig sind um glücklich zu sein. Das war auch der Grund, wieso mich die Armut dort gar nicht groß „runtergezogen“ hat, da die Freude der Kinder mich immer mit super viel positiver Energie erfüllt hat.


Weihnachtzeit auf kolumbianisch


Zu meiner diesjährigen Weihnachtszeit lässt sich sagen, dass ich aufgrund des Klimas nicht wirklich in „Weihnachtstimmung“ gekommen bin. Da hat es auch nichts gebracht, dass die Leute schon im November anfingen ihre Häuser zu schmücken, ganz nach dem Motto: „umso mehr Farben und Blinkeffekte desto besser“.
Weihnachten selber habe ich in Libano gemeinsam mit Konni und ihrer Gastfamilie verbracht. Die Feiertage selber werden hier weniger besinnlich gefeiert als bei uns in Deutschland. Silvester haben wir dann in Bogotá verbracht, bei Yannik, dem Freiwilligen der KjG, und der Familie seiner Chefin. Dieser Anlass wird dann schon eher in einer familiären Umgebung zelebriert. Um zwölf Uhr haben wir sogar eine alte, kolumbianische Tradition befolgt: jeder aß zwölf Trauben, wobei man bei jeder Traube jeweils einen Wunsch frei hat.


3x Zwischenauswertung: Baños, Bogotá, Ibagué


Anfang Januar ging es also los nach Ecuador, wo unser Zwischenseminar stattfand. Wir nutzten die Chance und reisten einige Tage vorher an, um noch einen Abstecher an die Pazifikküste zu machen. Das Seminar selber fand in dem kleinen Ort Baños statt, ca. drei Stunden entfernt von Ecuadors Hauptstadt, Quito. Insgesamt waren wir neun Seminarteilnehmer, die ihren Freiwilligendienst entweder in Ecuador oder Kolumbien absolvieren. Es war schön, sich mit den anderen Freiwilligen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen und ein wenig Zeit zu haben, um mal darüber nachzudenken, was das letzte halbe Jahr so mit einem gemacht hat. Nach den fünf Tagen verließen wir alle mit einem guten Gefühl und neuer Motivation Baños und verbrachten noch zwei Tage in Quito mit den Ecuador-Freiwilligen, die dort arbeiten, und besuchten außerdem ihre Projektstelle, das Jungenheim „Arbol de la Esperanza“. Mir hat die Zeit in Ecuador super gut gefallen und ich bin sehr dankbar dafür, ein neues Land Südamerikas kennen gelernt zu haben.

Dennoch habe ich mich dann gefreut, wieder zu Hause zu sein, wo uns Willi als Vertreter des BDKJ und Mirijam von der KjG empfangen haben. Beide hatten jede Menge nach-weihnachtliche Geschenke im Gepäck, sodass wir erst mal in den Genuss von Schokolade, Feta-Käse und weiteren Köstlichkeiten kommen durften. Danke dafür!
Nachdem wir zwei Tage gemeinsam in Bogotá verbracht und über die vergangenen sechs Monate berichtet hatten, fuhren wir alle gemeinsam mit der Leiterin und einer weiteren Vertreterin des „Movimiento por la Vida“, der Dienstelle von Yannik, nach Ibagué. Bei Concern Universal-Colombia hatten wir dann zwei Tage eine gemeinsame Zwischenauswertung zusammen mit allen Partnern, die sehr positiv verlief.

Willi und Konni fuhren dann gemeinsam weiter nach Líbano und ich begann die kommenden sechs Monate in der Fundación zu planen: Dazu gehören die Englischkurse sowie eine neue Kreativ-Gruppenstunde für Kinder und Jugendliche.

Ich freue mich wahnsinnig, mit deutlich mehr Sprachkenntnissen in der zweiten Halbzeit noch tiefer in die Projekte und Gruppenstunden einsteigen zu können und hoffe, dass die zweite Hälfte nicht noch schneller verfliegt als die erste.

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Bewerbungsschluss für die einzelnen Projekte liegt zwischen dem 15. Oktober und dem 30. Januar jeden Jahres. Das heißt, dass Sie sich in der Regel bis zu einem dreiviertel Jahr vor dem gewünschten Einsatztermin bewerben müssen.